Jede Rechtsanwältin und jeder Rechtsanwalt, der ein KI-Werkzeug für die Kanzlei bewertet, stellt dieselbe Frage: meistens etwas zu spät: Wenn ich diese Akte in das Programm eingebe, wo landet sie eigentlich?

Das ist die richtige Frage. Die meisten Anbieter beantworten sie schlecht. Oder gar nicht.

Die Pflicht, die nicht verhandelbar ist

Die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht ist in Deutschland keine berufsethische Empfehlung. Sie ist eine gesetzliche Kernpflicht: § 43a Abs. 2 BRAO verpflichtet jede Rechtsanwältin und jeden Rechtsanwalt zur Verschwiegenheit über alles, was ihr oder ihm in Ausübung des Berufs bekannt geworden ist. Diese Pflicht ist strafbewehrt: § 203 StGB (Verletzung von Privatgeheimnissen) macht den unbefugten Offenbarungsakt zu einer Straftat, unabhängig davon, ob ein Schaden entstanden ist.

§ 2 BORA konkretisiert, wie die Pflicht in der täglichen Praxis zu leben ist. Schutzgegenstand ist nicht nur der Inhalt eines Mandatsgesprächs: geschützt ist schon die Tatsache, dass überhaupt ein Mandatsverhältnis besteht.

Diese Pflicht endet nicht an der Tür des Kanzleirechners. Sie gilt für jede Technologie, die eine Kanzlei einsetzt.

Zwei Architekturen: eine davon scheidet aus

Ein KI-Werkzeug für die Kanzlei ist auf eine von zwei Arten gebaut.

Erste Variante: Das Dokument verlässt Ihren Rechner. Es wird auf den Servern Ihres KI-Anbieters verarbeitet, dort zwischengespeichert, mitunter zur „Modellverbesserung" genutzt. Ihre Kontrolle endet in dem Moment, in dem Sie auf „Senden" klicken. Aus § 43a Abs. 2 BRAO-Sicht haben Sie in diesem Moment Ihrem KI-Anbieter Kenntnis von einem Mandatsgeheimnis verschafft: unabhängig davon, was die AGB versprechen.

Zweite Variante: Die Akte bleibt unter Ihrer Kontrolle. Sie liegt in einem verschlüsselten Aktentresor, den Ihre Kanzlei kontrolliert, nicht auf den Servern des Anbieters. Wenn Sie die KI beauftragen, entwirft oder analysiert, geht ausschließlich der Text hinaus, den genau dieser Schritt braucht. Das Hinzufügen eines Dokuments sendet dessen Text für eine automatische Zusammenfassung, nach der Verschwiegenheitsprüfung. Lesen und Bearbeiten senden nichts. Auf dem Weg zum Modell kann er über den KI-Dienst des Werkzeuganbieters laufen, wird dort aber nicht gespeichert. Bevor irgendein Inhalt einen KI-Aufruf erreicht, läuft eine Prüfschranke im Browser selbst: ein Verschwiegenheits-Gate, das bei Mandatssachen hard-blocked, also nicht warnt, sondern sperrt.

Der Unterschied zwischen beiden Varianten ist keine Funktionslücke. Er ist die Antwort auf die Rechtspflicht.

Was „unter Kanzleikontrolle" in der Praxis bedeutet

Wenn die Akte im Tresor der Kanzlei liegt, gibt es keine Anbieterdatenbank mit Ihren Mandatsdaten, die gehackt, von einer Behörde angefragt oder schlicht vergessen zu löschen wäre. Die Datenminimierung nach Art. 5 Abs. 1 lit. c DSGVO ist architektonisch gesichert, nicht vertraglich versprochen.

Darüber hinaus: Erkannte Namen und Kennzeichen der Mandantschaft werden im Browser durch Platzhalter ersetzt, bevor ein KI-Aufruf abgeht, und auf Ihrer Seite wiederhergestellt, sobald die Antwort eintrifft. Das ist Pseudonymisierung, keine Anonymisierung: sie hat dokumentierte Lücken.

Auf erfassten Pfaden schreibt das Werkzeug Ereignisse best-effort in ein HMAC-authentifiziertes, hash-verkettetes Protokoll und weist bekannte Schreibfehler aus. Mit dem kanzleieigenen Schlüssel geprüft ist die Kette manipulationsanzeigend; der Export allein verifiziert sich nicht selbst und beweist nicht, dass jeder KI-Aufruf erfasst wurde.

Die zweite versteckte Frage: Wessen Schlüssel ist es?

Hinter der Architektur-Frage liegt eine zweite: Wessen API-Schlüssel wird für den KI-Aufruf verwendet?

Beim verwalteten Schlüssel sitzt Ihr Anbieter in jedem Aufruf dazwischen. Beim Bring-your-own-key-Modell (BYOK) gehört der Schlüssel Ihnen: Ihr Anbieterkonto, Ihr Vertrag, Ihre direkte Abrechnung. Ein Aufruf, der vom Browser ausgeht, läuft auf dem Weg über das Avantwerk-Relay, das ihn weiterleitet und nicht speichert. Der Verbrauch wird Ihnen zu dessen Tarifen direkt berechnet, ohne Aufschlag. Vertrag, Schlüssel und Nutzungsnachweis laufen auf Ihren Namen.

Die Checkliste vor dem ersten echten Mandat

Bevor Sie eine Akte in ein KI-Werkzeug eingeben, stellen Sie folgende Fragen:

  • Wo liegen Mandatsdaten zur Ruhezeit: in einem Speicher unter meiner Kontrolle oder auf Servern des Anbieters?
  • Was genau geht bei jedem KI-Aufruf hinaus, über wessen Server läuft es, und speichert es jemand?
  • Können verschwiegenheitspflichtige Dokumente gesperrt werden: nicht nur gekennzeichnet?
  • Wer kann die Protokolle lesen, und kann ich einen vollständigen Nachweis exportieren?

Wenn ein Werkzeug diese Fragen nicht präzise beantwortet, setzen Sie voraus, dass alles hinausgeht, und behandeln es entsprechend. Das ist keine Vorsichtsmaßnahme. Das ist die Konsequenz aus § 43a Abs. 2 BRAO.

Wir haben das Werkzeug nach diesem Maßstab gebaut: weil es der einzige ist, den eine sorgfältig arbeitende Kanzlei wirklich verteidigen kann.

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